Australien
Im Dunst der Blue Mountains – erste Schritte am Rand des Grose Valley
Der frühe Start fühlt sich heute weniger nach Abenteuerlust an, sondern eher nach Schadensbegrenzung. Erste Amtshandlung des Tages: den Kühlschrank trocken wischen. Der hat in der Nacht nämlich wieder still und leise kapituliert – zusammen mit der Camper-Batterie. Heute Morgen funktioniert nicht einmal mehr das Licht im Innenraum, ohne dass wir erst einmal den Motor zehn Minuten laufen lassen. Immerhin: Der Motor startet noch. Man lernt, seine Maßstäbe unterwegs flexibel zu halten.
Das Frühstück fällt entsprechend pragmatisch aus: schnelles Müsli, ein paar Handgriffe im Camper, dann rollen wir gegen 8:15 Uhr vom Campground. Heute steht die letzte längere Fahrstrecke an – hinein in die Blue Mountains.
Eigentlich hatten wir unterwegs ein paar Zwischenstopps eingeplant. Doch der Wetterbericht zeigt sich strategisch wenig kooperativ: Heute soll es in den Blue Mountains noch recht schön sein, morgen und übermorgen dagegen ziemlich regnerisch. Also streichen wir die geplanten Pausen kurzerhand zusammen, um möglichst früh dort anzukommen – in der Hoffnung, heute vielleicht noch eine kleine Wanderung unterzubringen.
So fahren wir die meiste Zeit einfach durch und legen nur einen kurzen Halt im Western Sydney Regional Park ein. Am Moonrise Lookout soll man einen großartigen Blick auf die Skyline von Sydney haben. In der Theorie zumindest.
Heute leider nicht.
Der Himmel ist so diesig, dass die Aussicht eher aus einer sehr gleichmäßig grauen Fläche besteht. Wir vertreten uns fünf Minuten lang die Beine, schauen in die ungefähre Richtung, in der vermutlich irgendwo Sydney liegen müsste, und fahren weiter. Zum Glück war es kein großer Umweg.
Gegen 12:30 Uhr erreichen wir den Katoomba Falls Tourist Park.
An der Rezeption bremst uns die freundliche Dame zunächst aus: Check-in sei eigentlich erst ab 14:00 Uhr. Zum Glück habe ich die Buchungsbestätigung griffbereit, in der schwarz auf weiß steht, dass unser Platz ab 12:00 Uhr verfügbar ist. Ein kurzer Blick darauf, ein entschuldigendes Lächeln – und schon bekommen wir den Schlüssel für unseren Ensuite-Platz. Der ist zwar noch nicht ganz fertig gerichtet, aber das stört uns nicht weiter.
Schlüssel schnappen, schnell zurück ins Auto – und direkt weiter zum Wanderparkplatz.
Gegen 13:30 Uhr starten wir unsere kleine Nachmittagswanderung. Das zuvor noch recht freundliche Wetter hat sich inzwischen allerdings etwas verzogen. In der Ferne grollt gelegentlich Donner. Wir beschließen, das erst einmal als atmosphärische Begleitmusik zu interpretieren.
Los geht es am Govetts Leap Lookout. Schon hier öffnet sich der Blick über die gewaltige Schlucht des Grose Valley – zumindest in Ansätzen. Die typischen Sandsteinfelsen der Blue Mountains fallen steil in die Tiefe, darüber ziehen Schleier aus Dunst und Wolken. Die Landschaft wirkt dadurch fast ein wenig geheimnisvoll, auch wenn man ahnt, dass sich hinter dem Grau eigentlich ein spektakuläres Panorama verbergen müsste.
Wir folgen dem Cliff Top Track, der seinem Namen alle Ehre macht: Immer wieder verläuft der Weg dicht entlang der Felskante. Mal durch lockeren Eukalyptuswald, mal über offene Passagen mit Blick in die Tiefe. Die Blue Mountains sind bekannt für ihre endlosen Wälder und diese riesigen, zerklüfteten Täler – und selbst bei mäßiger Sicht lässt sich gut erahnen, wie beeindruckend diese Landschaft sein kann.
Unterwegs kommen wir an den Hanging Gardens vorbei, wo sich zwischen den Felsen erstaunlich üppige Vegetation festklammert. Dann weiter zum Barrow Lookout, einem weiteren Aussichtspunkt entlang der Kante.
Hier merkt man allerdings besonders deutlich, was heute fehlt: klare Luft. Die Fernsicht bleibt hartnäckig milchig. Die gegenüberliegenden Felswände tauchen nur schemenhaft aus dem Dunst auf, als hätte jemand den Kontrastregler der Landschaft ein gutes Stück heruntergedreht.
Eigentlich könnten wir von hier aus noch den Grand Canyon Track laufen – eine bekannte Rundwanderung durch die Schlucht. Aber ein Blick auf das Schild verrät schnell: etwa vier Stunden Gehzeit. Das würde bedeuten, dass wir erst gegen acht Uhr abends wieder am Campground wären. Für den ersten Tag in den Blue Mountains vielleicht etwas ambitioniert.
Also drehen wir hier um.
Auf dem Rückweg lässt sich die Sonne immerhin ab und zu wieder blicken. Das Donnergrollen ist längst verschwunden, und zwischen den Wolken reißen sogar ein paar hellere Stellen auf. Die Sicht bleibt allerdings weiterhin ziemlich trüb – schade, denn man merkt an vielen Stellen, dass sich hier eigentlich ein großartiges Panorama ausbreiten müsste.
Wir lassen uns trotzdem Zeit, bleiben immer wieder stehen, schauen in die Ferne und hoffen insgeheim, dass sich die Landschaft vielleicht doch noch ein wenig freigibt.
Tut sie aber nicht.
Trotzdem wird es eine richtig schöne kleine Wanderung – und wir haben ja noch zwei Tage hier. Vielleicht spielt das Wetter da noch einmal mit.
Gegen 17:30 Uhr sind wir zurück am Campground. Die Rezeption hat inzwischen geschlossen – gut, dass wir vorher schon den Schlüssel abgeholt haben. Jetzt können wir ganz entspannt ankommen.
Erst einmal ein kleines Feierabendritual: ein Bier für Andreas, ein Aperol für mich. Und ausgerechnet jetzt zeigt sich der Himmel plötzlich freundlich und hell. Typisch. Aber egal – wir nehmen es, wie es kommt.
Am Abend werfen wir den Grill an. Die letzten Vorräte müssen langsam verbraucht werden, denn unsere Zeit im Camper neigt sich allmählich dem Ende zu. Heute landet noch einmal Känguru auf dem Rost – etwas, das man zu Hause schließlich nicht alle Tage bekommt.
Für die letzten beiden Camper-Tage morgen und übermorgen beschließen wir, irgendwo essen zu gehen. Dann müssen wir uns wenigstens keine Gedanken mehr über den Kühlschrank machen.
Auch eine Art Problemlösung. 😅