Australien
Phillip Island: Living History im Wechselwetter
Als wir heute Morgen aufwachen, tröpfelt es aufs Dach. So war das eigentlich nicht geplant – der Regen sollte doch erst am Nachmittag kommen. Also drehen wir uns erstmal noch einmal um und bleiben liegen. Wenn der Tag schon grau startet, kann man ihn auch langsam beginnen.
Als der Regen etwas nachlässt, frühstücken wir in der Camp Kitchen – heute definitiv angenehmer als im Camper. Danach erledigen wir noch die Wäsche von gestern, telefonieren eine Runde mit Christian und machen uns gegen 10:00 Uhr auf den Weg. Es ist trocken, also nutzen wir das Zeitfenster.
Erster Versuch: der Cowes Sunday Market. Der Markt erweist sich allerdings als… sagen wir: überschaubar. Andreas ist hochzufrieden, dass wir nach fünf Minuten bereits wieder am Ausgang stehen – und das ganz ohne auch nur den Hauch eines Kaufimpulses.
Also Plan B: die Churchill Island Heritage Farm.
Das passt eigentlich perfekt zum Wetter. Churchill Island ist so etwas wie ein lebendiges Geschichtsmuseum: historische Farmgebäude, viktorianische Gärten, alte Handwerkstechniken und landwirtschaftliche Vorführungen vermitteln, wie hier im 19. Jahrhundert gearbeitet und gelebt wurde. Die Insel war Farm, Gemüsegarten und Sommerresidenz wohlhabender Siedler – heute kann man durch die alten Homesteads streifen, Werkstätten besichtigen und bei traditionellen Tätigkeiten zusehen oder selbst Hand anlegen.
Schon auf dem Weg über die Brücke werden wir von laut schnatternden Cape Barren Geese begrüßt. Auf den Weiden stehen neugierige Highland-Rinder, und überall watscheln Wasservögel durchs Gras.
Wir schauen uns zunächst in Ruhe um. Besonders spannend: die Ausstellung zum Schafscheren. Unterschiedliche Wollarten, Techniken, die Geschichte der Schafscherer. Und natürlich der legendäre Rekord von Jackie Howe, der 1892 innerhalb von sieben Stunden 321 Schafe von Hand schor – ein Rekord, der bis 1950 Bestand hatte und erst mit Maschinen gebrochen wurde.
In der Blacksmith Shop wird gezeigt, wie Hufeisen geschmiedet werden – je nach Einsatz des Pferdes unterschiedlich geformt.
Und natürlich besuchen wir auch die historischen Wohnhäuser, die einen guten Eindruck davon vermitteln, wie das Leben hier damals ausgesehen haben muss.
Zwischendurch klart es kurz auf, also laufen wir noch eine Runde um die Halbinsel.
Entlang der Western Port Bay tummeln sich zahlreiche Wasservögel: weiße Silberreiher mit ihren langen Hälsen, Pelikane, Cape Barren Geese mit ihren grauen Körpern und gelblichen Schnäbeln, schwarze Schwäne – eine richtige kleine Vogelschau.
Zurück auf dem Farmgelände spielt im Café eine richtig gute Band: Cedar Collective – drei Frauen und ein Mann mit Geige und Cello. Wir bleiben eine Weile sitzen und lauschen. Das passt perfekt zu diesem etwas entschleunigten Tag.
Am Nachmittag beginnen die Vorführungen. Zuerst Kühe melken – wer möchte, darf selbst Hand anlegen.
Danach folgt eine Schafschur-Vorführung, bei der erstaunlich routiniert und schnell gearbeitet wird.
Besonders beeindruckend ist die Demonstration mit den Hütehunden, die eine Schafherde mit präzisen Kommandos zusammenhalten.
Zum Abschluss gibt es noch eine Einführung ins Peitschenknallen. Nach der Show dürfen wir selbst ran – und tatsächlich: ein kleines Knallen bekommen wir auch hin.
Gegen 15:30 Uhr brechen wir wieder auf. Auf dem Rückweg erledigen wir noch schnell den Wocheneinkauf – alles, was wir für die nächsten drei Tage im Wilsons Promontory National Park brauchen, wandert schon mal in den Wagen. Wenn morgen tatsächlich wieder die Sonne scheint, wollen wir keine Zeit im Supermarkt verlieren.
Gegen 17:00 Uhr sind wir zurück am Campground. Der Regen hat inzwischen wieder eingesetzt und macht keine Anstalten, sich so bald zu verabschieden. Also schalten wir einen Gang runter: erst eine Runde Karten im Camper, während es draußen leise aufs Dach trommelt.
Später werfen wir den Grill an – Burger gehen schließlich bei jedem Wetter. Gegessen wird heute allerdings in der Camp Kitchen. Kaum sind wir fertig, öffnet der Himmel noch einmal richtig die Schleusen.
Ein derartiger Platzregen geht nieder, dass man in 10 Sekunden komplett durchnässt wäre. Also harren wir noch eine Weile aus und beobachten das Wasserspiel draußen.
Als der Regen etwas nachlässt, flüchten wir zurück in den Camper. Dort lesen wir noch ein bisschen, dann melden sich Jan und Alida aus Holland – sehr nett, ein bisschen Zuhause-Gefühl ans andere Ende der Welt geliefert.
Allzu spät wird es heute nicht. Der Regen trommelt weiter aufs Dach, und irgendwann verschwinden wir einfach in die Kiste.