Australien
Kangaroo Island: Zwischen Donner, Dünen und Koalas
Der Tag beginnt gleich mit zwei Gründen zu lächeln. Der erste sitzt direkt auf unserer Terrasse: Ein großes Känguru hat es sich gemütlich gemacht und löscht seinen Durst aus einem Wassernapf, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Der zweite folgt kurz darauf beim Blick auf die Nachrichten: Die deutschen Handballer stehen im Finale der Europameisterschaft. So darf ein Inselmorgen gern starten.
Wir frühstücken entspannt – wieder ganz klassisch mit Müsli, Obst und Joghurt – werfen anschließend die Schlüssel in die Lockbox und brechen gegen 8:30 Uhr auf. Ziel des Tages: der Flinders Chase National Park im Westen von Kangaroo Island.
Auf dem Weg dorthin legen wir einen ersten Stopp an der Vivonne Bay ein. Der Strand ist traumhaft schön und vollkommen menschenleer.
Der Himmel ist grau, die Sonne hält sich zurück, und in der Ferne grollt bedrohlich der Donner. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hat dieser Ort eine ganz besondere Stimmung. Wir laufen ein Stück am Strand entlang, hören den Wind und das Meer und lassen uns Zeit.
Gegen 10:00 Uhr fahren wir weiter Richtung Westen. Kurz darauf erwischt uns ein kräftiger Hagelschauer – offenbar die Fortsetzung des Donnergrollens von vorhin. Aber der Spuk ist zum Glück schnell wieder vorbei.
Insgesamt wirkt die Insel auffallend ruhig: kaum Autos, kaum Menschen. Vermutlich liegt es daran, dass die Schule wieder begonnen hat. Wildlife hingegen gibt es genug – ein Känguru am Straßenrand, bunte Vögel, immer wieder Bewegung im Augenwinkel.
Am Visitor Centre erfahren wir, dass der Eintritt für den Flinders Chase National Park aktuell ausgesetzt ist – eine angenehme Überraschung. Der Ranger gibt uns außerdem ein paar Tipps für Wanderungen, die gut zu unseren Plänen passen, und verrät uns, wo man mit etwas Glück Koalas oder Platypus sehen kann.
Wir fahren weiter zur Rocky River Day Visitor Area und starten dort gegen 11:30 Uhr auf den Platypus Walk. Der Weg ist gut angelegt und führt durch abwechslungsreiche Landschaft entlang des Rocky River.
Schon nach kurzer Zeit entdecken wir ein kleines Wallaby, das uns neugierig mustert und dann gemächlich im Unterholz verschwindet. Auch später sehen wir immer wieder Wallabies und Kängurus zwischen den Büschen.
Entlang des Weges informieren Tafeln über Flora und Fauna des Nationalparks sowie über das große Buschfeuer von 2019/2020. An einigen Stellen sind die Spuren noch deutlich sichtbar. Besonders faszinierend sind palmenartige Pflanzen, deren Stämme völlig verbrannt wirken – und aus deren Kronen dennoch frisches, sattes Grün wächst. Die Natur hier ist erstaunlich widerstandsfähig.
Eine Infotafel erklärt auch, wie unterschiedlich Tiere Buschfeuer überleben: Bewegliche Arten wie Vögel, Kängurus und Wallabies fliehen aus den Brandgebieten. Weniger mobile Tiere – Echidnas, Possums, Reptilien oder Amphibien – ziehen sich in Erdhöhlen, Baumhöhlen oder unter umgestürzte Stämme zurück, bis das Feuer vorüber ist. Danach bieten verbrannte und gefallene Bäume neuen Lebensraum, und langsam kehrt das Leben zurück – je nachdem, wie schnell sich der bevorzugte Lebensraum erholt.
Das Wetter bleibt launisch. Immer wieder nieselt oder regnet es kurz, der Donner grollt weiter in der Ferne. Kaum haben wir die Regenjacken angezogen, hört es meist schon wieder auf. Kurz blitzt die Sonne durch die Wolken – nur um sich gleich wieder zu verabschieden. Es fühlt sich an wie April, nur eben auf Kangaroo Island.
An den Platypus Waterholes halten wir lange Ausschau nach den scheuen Tieren. Platypus gelten als lebende Fossilien: mit Entenschnabel, Biberschwanz, Schwimmhäuten mit Krallen und sogar einem giftigen Sporn. Sie gehören – gemeinsam mit den Echidnas – zu den wenigen eierlegenden Säugetieren der Welt. Ihre Vorfahren lebten schon zur Zeit der Dinosaurier.
Heute allerdings bleiben sie uns verborgen. Kein Plattie weit und breit. Die einzigen, die wir zu Gesicht bekommen, sind die kleinen Metallfiguren am Ufer – immerhin fotogen, aber natürlich nicht ganz das, worauf wir gehofft hatten.
Dafür wird es nun richtig nass.
Nach der Platypus-Runde biegen wir noch auf den Black Swan Trail ab. Viel passiert hier wetterbedingt nicht mehr, bis plötzlich etwas Großes, Dunkles und Massives direkt vor uns durchs Unterholz prescht. Definitiv kein Känguru. Andreas ist überzeugt: ein Wildschwein. Aber gibt es die hier überhaupt?
Gegen 15:00 Uhr sind wir zurück am Parkplatz. Der Regen hat endlich aufgehört, aber wir sind ziemlich nass und etwas durchgefroren.
Im Visitor Centre sprechen wir einen Ranger auf unsere Sichtung an. Er ist sichtlich überrascht: Im Flinders Chase National Park versuche man seit Jahren, Wildschweine vollständig zu entfernen, und seit rund zwei Jahren habe es keine Sichtung mehr gegeben.
Wir zeigen ihm die Stelle auf der Karte und beschreiben auch die aufgewühlten Bereiche am Weg. Er meint, andere Tiere kämen für diese Beschreibung kaum infrage – sie wollen der Sache nachgehen.
Anschließend fahren wir zu unserer Unterkunft im Nationalpark: eine kleine Blockhütte auf dem Campingplatz. Nichts Luxuriöses, rein funktional – aber für zwei Nächte absolut okay. Der Preis fühlt sich, wie schon an anderen Nationalpark-Unterkünften zuvor, etwas ambitioniert an, aber nun gut: Lage schlägt Komfort.
Wir hängen die nassen Klamotten zum Trocknen auf und drehen noch eine kleine Runde über den Campingplatz. Viele Wege sind gesperrt, viel gibt es also nicht zu erkunden. Also kochen wir erst einmal etwas Warmes: ganz simpel Pasta mit Tomatensoße.
Später machen wir uns dann auf zur gebuchten Nocturnal Adventure Tour. Schon auf dem Weg begegnen wir unzähligen Kängurus, die links und rechts der Straße auf den großen Grasflächen fressen. Sie beobachten uns aufmerksam, bleiben aber ruhig, solange wir Abstand halten.
Um 19:30 Uhr treffen wir unseren Guide von der Hanson Bay Nocturnal Adventure Tour. Wir sind die einzigen Teilnehmer – eine private Tour also.
Entgegen unserer Erwartung handelt es sich nicht um ein klassisches Sanctuary, sondern um echtes, weitläufiges Buschland. Wir laufen durch die Wildnis und suchen gemeinsam die Bäume nach Koalas ab. Unser Guide weiß natürlich, wo sie sich bevorzugt aufhalten, und schon bald entdecken wir die ersten, die kauend und schmatzend in den Eukalyptusbäumen sitzen.
Wir lernen viel über ihre Lebensweise: Koalas schlafen bis zu 20 Stunden am Tag, ihr Speiseplan besteht fast ausschließlich aus Eukalyptusblättern, und selbst bei der Partnerwahl gehen sie recht zielstrebig vor. Alles sehr informativ und mit viel Herzblut erklärt.
Und wir erfahren auch eine deutlich nachdenklichere Seite ihrer Geschichte. Anders als viele der Tiere, deren Überlebensstrategien wir tagsüber auf den Infotafeln kennengelernt haben, hatten Koalas bei den großen Buschfeuern kaum eine Chance. Sie können weder schnell fliehen noch sich in Höhlen oder unter die Erde retten. Beim verheerenden Brand 2019/2020 sind hier im Gebiet sehr, sehr viele Koalas gestorben.
Gleichzeitig erzählt unser Guide, dass es vor dem Feuer eigentlich zu viele Koalas gegeben habe. Die Population war so stark angewachsen, dass bereits darüber nachgedacht wurde, Tiere zu töten, um die Eukalyptusbäume zu schützen. Koalas vermehren sich erstaunlich stark: Ein Weibchen kann im Laufe seines Lebens bis zu zehn Junge bekommen – und fast alle überleben. Das Feuer hat das fragile Gleichgewicht der Koalapopulation auf der Insel deutlich verschoben.
Später erreichen wir einen kleinen Weiher zum Sonnenuntergang. Rundherum sammeln sich Kängurus, Wallabies, Graugänse und schwarze Schwäne. Das Licht wird weich, die Geräusche leiser – ein richtig schöner Abschluss.
Erst nach gut zwei Stunden bringt uns unser Guide zurück in Richtung Campingplatz. Eine tolle Tour, die uns lange in Erinnerung bleiben wird.
Zurück in der Hütte sichten wir noch schnell die Fotos – und dann geht auch heute recht zügig das Licht aus.