Australien
Unterwegs zum Cradle Country – zwischen Straße und Wildpark
Die Nacht verläuft erstaunlich ruhig. Keine weiteren Skorpion-Zwischenfälle – und noch erstaunlicher: Ich schlafe gut, ganz ohne Albträume. Trotzdem recherchiere ich morgens als Erstes, was das gestern Abend eigentlich für Tierchen waren.
Die Google-Bildersuche wirkt beruhigend: Waldskorpione. Deren Stiche können zwar schmerzhaft sein, das Gift ist für Menschen aber ungefährlich, und sie gelten als eher defensiv 👍. Na also.
Das Frühstück besteht aus den Zutaten, die Catherine gestern im Kühlschrank für uns bereitgelegt hat: Joghurt, Obst, Toast – gesund, lecker und mit einer tollen Aussicht vom Frühstückstisch. So darf ein Tag gerne beginnen.
Wir packen unsere Sachen zusammen und sitzen gegen 8:45 Uhr schon wieder im Auto. Heute geht es weg von der Küste, hinein ins Landesinnere. Ziel: Moina, nahe der Cradle Mountains.
Der Himmel ist tiefblau, kein einziges Wölkchen in Sicht. Bis Penguin fahren wir noch entlang der landschaftlich schönen Nordküste, dann biegen wir auf die B17 Richtung Süden ab.
Links und rechts der Straße tauchen immer wieder große Felder mit weißem Mohn auf – ein ungewohnter Anblick. Tasmanien ist tatsächlich eines der wenigen Gebiete weltweit, in denen Schlafmohn legal und streng kontrolliert für die pharmazeutische Industrie angebaut wird. Das gemäßigte Klima und die fruchtbaren Böden hier sind dafür ideal.
Nach rund zwei Stunden Fahrt erreichen wir den Wings Wildlife Park.
Der Park versteht sich weniger als klassischer Zoo, sondern als Wildlife Sanctuary, mit Fokus auf Aufklärung, Tierwohl und – wo möglich – Rehabilitation. Viele Tiere stammen aus Rettungsprogrammen oder können aus verschiedenen Gründen nicht wieder ausgewildert werden. Neben frei zugänglichen Bereichen gibt es regelmäßige Präsentationen und Fütterungen, bei denen man viel Hintergrundwissen vermittelt bekommt.
Um 11:00 Uhr beginnt die Koala-Präsentation.
Unsere anfängliche Enttäuschung ist nicht ganz zu leugnen: Es gibt hier genau einen Koala. Blinky, ein 3,5 Jahre altes Männchen. Der Pfleger erklärt aber schnell, dass Koalas in Tasmanien generell selten sind – es ist ihnen meist zu kühl. Die große Mehrheit lebt auf dem australischen Festland. Außerdem sind Koalas Einzelgänger, Blinky leidet also keineswegs unter Einsamkeit. Im Gegenteil: Man sei bereits auf der Suche nach einer passenden Dame, da er langsam ins paarungsfähige Alter kommt.
Wir erfahren außerdem: Koalas sind mit Wombats verwandt, trinken extrem wenig, werden etwa 15 Jahre alt – und Blinky ist ausgesprochen wählerisch. Er frisst nur ganz bestimmte Eukalyptusarten. Hängt der falsche Zweig am Futterplatz, wird eben einfach gar nichts gegessen. Konsequenz muss man haben 😉.
Anschließend folgt die Meerkat-Präsentation. Auch hier lernen wir einiges: Erdmännchen leben in Gruppen von etwa 20–30 Tieren, sogenannten Clans. Während die meisten nach Futter suchen, übernimmt immer eines die Rolle des Wächters. Dieser hält mit leisen Pieptönen Kontakt zur Gruppe – wird es gefährlich, wird der Ton deutlich lauter. Ein beeindruckend gut organisiertes System.
Bis zur nächsten Präsentation haben wir Zeit, den Park auf eigene Faust zu erkunden. Wir füttern Kängurus mit Futter vom Park – sehr zutrauliche Tiere und ein besonderes Erlebnis, ihnen so nahe zu kommen.
Insgesamt gibt es viele Tierarten zu sehen, uns faszinieren aber vor allem die einheimischen Tiere, die in relativ offenen, naturnahen Gehegen leben.
Ein weiteres Highlight ist später die Tasmanische-Teufel-Fütterung. Zwar haben wir so etwas im Unzoo schon einmal gesehen, aber die Faszination ist ungebrochen.
Unglaublich, mit welcher Kraft diese vergleichsweise kleinen Tiere Knochen mühelos zerknacken und wie energisch sie um das Futter rangeln.
Erst um 14:30 Uhr verlassen wir den Park – deutlich später als geplant, aber die Präsentationen waren einfach zu spannend.
Den ursprünglich vorgesehenen Abstecher zu den Gunns Plains Caves streichen wir deshalb spontan. Stattdessen halten wir noch kurz an den Preston Falls und machen einen kleinen Spaziergang vom Parkplatz zum Wasserfall, bevor es weiter Richtung Moina geht.
Irgendwann haben wir wieder Internetempfang — und prompt ploppt eine Nachricht unserer Unterkunft auf: Das Restaurant kann heute Abend leider nicht öffnen, alle Gäste müssen sich selbst um eine Alternative kümmern. Nun ja. Alternativen gibt es hier ungefähr so viele wie Handyempfang. Einkaufsmöglichkeiten ebenfalls Fehlanzeige. Fairerweise muss man sagen: Die Mail kam schon um 11:00 Uhr – nur waren wir da eben komplett offline.
Wir rufen kurz in der Lodge an. Die Lösung: ein BBQ-Paket. Passt.
Unterwegs genießen wir noch einen schönen Blick auf den Mount Roland…
… bevor wir gegen 16:00 Uhr an der Lemonthyme Lodge ankommen.
Wir beziehen unser Cottage „Myrtle“ – großzügig, gemütlich, mit Balkonblick in den Urwald, Kamin, großem Bad. Der perfekte Ort, um erst einmal durchzuatmen und anzukommen.
Nach einer ersten Chill-Runde auf dem Balkon erkunden wir das Gelände: ein Spielraum mit Billard, Tischtennis und Tischkicker, eine gemütliche Leseecke mit erstaunlich viel Literatur über Australien, ein schöner Essbereich. Kostenlos gibt es außerdem Fahrräder und Waschmaschinen – letzteres nutzen wir direkt, wenn wir schon zwei Tage hier bleiben.
Am Grillplatz wird später das BBQ-Paket zubereitet: Steaks, Würste, Burger, Salat, Brötchen, Dips – reichlich und gut, eine solide Alternative zum Restaurant, das morgen wieder geöffnet sein soll.
Den Abend lassen wir dann entspannt ausklingen. Wir sitzen noch eine Weile im gemütlichen Aufenthaltsraum, blättern in Büchern, genießen die ruhige Atmosphäre der Lodge und spielen noch eine kleine Runde Billard.
Dann zieht es uns langsam zurück ins Cottage. Draußen ist es längst dunkel, der Urwald liegt still vor uns, und drinnen wartet das bequeme Bett.
Gute Nacht!